Das WM-Tagebuch

Die Quartier-Ausrede zählt für das DFB-Team nicht

DSC-3877Von Sebastian Schneider, Winston-Salem
Ein-Aufkleber-auf-der-Tuer-zu-einem-Cafe-heisst-die-Deutsche-Nationalmannschaft-willkommen-Am-Montag-08-06-wird-die-Deutsche-Nationalmannschaft-ihr-Mannschaftsquartier-fuer-die-Vorrunde-in-der-Stadt-beziehen
Es grüßt: Winston-Salem. (Foto: picture alliance/dpa)
10.06.2026 | 07:51 Uhr
Ob eine Fußball-Weltmeisterschaft erfolgreich wird, hängt auch mit der Wahl des Quartiers zusammen. Das DFB-Team hat sich für Winston-Salem entschieden, in North Carolina. Die Stadt ist stolz, Rudi Völler begeistert.

Da staunt dann selbst Rudi Völler. "Das ist mal ein Medienzentrum", sagt der DFB-Sportdirektor, der nun wirklich schon viel gesehen hat, als er den umgebauten Hörsaal betritt. In den kommenden Wochen drücken hier die Journalistinnen und Journalisten wieder die Unibank, um den Vorlesungen der DFB-Stars zu lauschen.

Und damit: Herzlich willkommen in Winston-Salem, Camel City, die ehemalige Tabakhauptstadt im eigentlich immer schwül-heißen North Carolina. Wo nur die Klimaanlagen mehr als die Sonne knallen. Hier leben normalerweise 249.545 Menschen, für die nächsten Wochen sind es ein paar mehr: Denn hier schlägt der DFB-Zirkus auf der Jagd nach dem fünften Stern auf. Begleitet von rund 150 deutschen Medienschaffenden.

Genau genommen residieren die Nagelsmänner im Graylyn Estate, einem fast hundertjährigen Hotelkomplex, der etwas außerhalb liegt. Sie schlafen in 85 individuell gestalteten Zimmern des Luxus-Boutique-Hotels. Ständig abgeschirmt, umgeben von großen Grünflächen, abgesperrt mit gelbem Polizei-Flatterband. Trotzdem sieht man immer mal wieder Menschen in Deutschlandtrikots vor dem Eingang.

"Winston-Salem is proud"

Zum DFB-Base-Camp, so der Fachbegriff, gehört auch der Campus der Wake Forest University. Hier wird trainiert und hier sind die Arbeitsbereiche der Medien. Normalerweise studieren hier junge Menschen, pro Jahr kostet das fast 100.000 US-Dollar. Alles dort strahlt das auch aus. Es ist eine Privatuni, mit riesigen Gebäuden, einem noch größeren Parkplatz und einem eigenen Fußballstadion, dem Spry Soccer Stadium. All das hat mit einer staatlichen Uni in Deutschland nichts zu tun.

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Wer dorthin kommen will, muss in den Norden von Winston-Salem. Erst an einem Steak-Restaurant mit riesigen Plastik-Bullen vor der Tür vorbei, dann kommt man zu einer Waldstraße, die zur Universität führt. Sie ist mit hohen Laternen gesäumt, an denen DFB-Fahnen hängen.

Der Graylyn Estate reiht sich damit in eine besondere Serie ein. Campo Bahia, Evian, Watutinki, Zulal, Herzogenaurach: Der Grundstein für den (Miss-)Erfolg eines Turniers wird auch immer mit dem Quartier gelegt. Jedes umgibt seinen ganz eigenen Mythos. Joachim Löw wollte 2018 etwa gar nicht nach Watutiki, Manuel Neuer erzählte später dagegen, er habe dort besser als in Brasilien geschlafen.

Und Winston-Salem? "Es wird niemals eine Entschuldigung sein, dass unser Trainingszentrum zu schlecht war", sagt Völler mit Blick auf das bevorstehende Turnier. Die Stadt wurde gewählt, weil sie an der Ostküste liegt und die kürzesten Entfernungen zu den Gruppenspielorte in Houston, Toronto und New Jersey hat. Nur der trockene Rasen macht noch ein paar kleinere Probleme, wie überall in den USA.

Ansonsten ist Winston-Salem so, wie man sich die 90. bevölkerungsreichste Stadt der USA vorstellt. Es gibt ein paar Pubs, einige Restaurants, ein kleines Baseball-Stadion, einmal im Jahr ein Nascar-Rennen im Bowman Gray Stadium. Forsyth County, in dem Winston-Salem liegt, ging bei den Präsidentschaftswahlen 2024 mit 56 Prozent an die demokratische Kandidatin Kamala Harris. Im West End sieht man immer wieder Schilder wie "Save Democracy".

Ein "once in a lifetime Moment"

In der Stadt selbst breitet sich gerade noch das WM-Fieber aus. Das könnte vielleicht an der Dauerhitze liegen. Oder aber eher daran, dass die Stadt und DFB alles dafür tun. Immer wieder begegnet einem der Sticker: "Willkommen, Winston-Salem is proud to welcome DFB". All das kulminierte schon am Montag, als die Nationalelf kurz nach ihrer Ankunft zum öffentlichen Training lud.

Mehr als 3000 Menschen kamen, um Manuel Neuer seit Wochen mal wieder durch die Luft fliegen zu sehen. Draußen, vor dem Eingang, brauste der Bundestrainer mit einem Golfkart an der ewig langen Schlange vorbei. Es hätten wohl deutlich mehr kostenlose Tickets vergeben werden können. Drinnen deckte der DFB alle mit kostenlosen T-Shirts und schwarz-rot-goldenen Autofahnen ein - und später auch mit Autogrammen.

DFB bezieht Quartier - einer wartet schon im "Spukschloss"

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Die Menschen erzählten dort das, was man schon in den Tagen zuvor in Chicago gemerkt hat: Die Amerikaner vor Ort freuen sich ganz ehrlich auf das "German Soccer Team". Bobby Muuss, der Trainer der Uni-Mannschaft, erzählte ganz stolz, dass er zum ersten Mal selbst ein Ticket brauchte, um in sein Spry Soccer Stadium zu kommen. Die kleineren Fans sind begeistert, mal Kai und Flo und Jamal aus nächster Nähe zu sehen.

Winston-Salem war lange die Tabakhauptstadt der USA, erzählte Jim, einer der Ordner. Doch seit die Industrie abgewandert ist, sucht man ein wenig nach der Identität - und versucht sich als Kulturstadt. Da hilft es, wenn man vom viermaligen Fußball-Weltmeister auserwählt als US-Heimat wird. Es sei ein "once in a lifetime moment", ergänzte seine Kollegin Stephanie. Sie ließ sich heimlich eine Deutschlandfahne fürs Auto besorgen. Als Erinnerung an den WM-Sommer in Winston-Salem.

Verwendete Quelle: ntv.de