Das Schlechteste am Spiel der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen Curacao waren die Wortwitze danach: Houston, wir haben doch kein Problem, hieß es da. Ohje. Ja, für ein paar Momente sah es nach einer möglichen Bruchlandung zum Start in die Weltmeisterschaft auf. Doch der Gegner aus der Karibik war viel zu schwach, um das DFB-Team über 90 Minuten in Bedrängnis zu bringen. Am Ende war das 7:1 fast noch zu wenig. Unser WM-Experte Arie van Lent ist trotz des kurzen Hoppla-Moments zufrieden. Was dieser Sieg aber für das Turnier bedeutet, das weiß auch der ehemalige Stürmer noch nicht. Eine Aufstellungsidee für den Bundestrainer hat er nach diesem Auftakt jedoch.
ntv.de: Hallo Herr van Lent, erst WM-Analyse dann Autokorso in Korschenbroich?
Arie van Lent: Ja klar, Fahne raus und ab geht's! Nur eine Stunde, dann spielen die Niederlande. Aber ich fürchte, es wird sich niemand anschließen.
Oh, warum? So schlecht war's doch gar nicht, oder?
Wen meinen Sie jetzt? Deutschland oder Curacao?
Ach, fangen wir doch der Höflichkeit halber mit Curacao an ...
Was soll ich sagen, sie werden bei dieser WM kein Spiel gewinnen. Bei dieser Meinung bleibe ich. Trotzdem haben sie heute viele Sympathiepunkte gesammelt. Sie haben mit Herz und Leidenschaft gespielt. Das hat mir wirklich gefallen. Aber sie hatten fünf bis zehn Minuten, in denen sie ein bisschen Druck gemacht haben.
Ich sag's ihnen ganz ehrlich: Da habe ich mich schon gewundert!
Das waren wir uns sicher alle. Nach dem Ausgleich ging sicher ein kleines Raunen durch die Welt. Das war aber nur ein kleiner Tsunami der "blauen Welle". Am Ende war Curacao wirklich chancenlos.
DFB-Team startet nach Schock die große Torshow

Aber es gab doch diesen Moment nach dem 1:1, als ein Spieler von Curacao auf der rechten Seite frei durch war, der Pass aber nach links ging ...
Herr Nordmann, das haben Sie sich gut gemerkt! Tatsächlich war das ein kniffliger Moment. Da kann das Spiel vielleicht sogar kippen. Als deutsche Nationalmannschaft denkst du nach 20 Minuten eigentlich, alles ist schon erledigt, dann fängst du dir erst das 1:1 und womöglich dann noch eins.
Müssen wir beim Ausgleich über Manuel Neuer reden? Nicht wirklich, oder?
Nein, da braucht man keinen Fehler suchen. Der Schuss ist unglücklich abgefälscht. Da kann er nichts machen. Das Spiel ist undankbar für einen Torwart. Du kannst dich kaum auszeichnen. Die Wade hat gehalten, das ist vermutlich die einzig spannende Nachricht. Aber bei Manuel Neuer hat mich eine Sache diese Woche genervt.
Was denn?
Das ganze Gerede von seiner Aura. Ja, er ist ein Super-Torwart. Aber für mich fühlt es sicher immer so an, als müsse man sich für seine Nominierung immer noch rechtfertigen. Und es ist immer auch ein kleiner weiterer Schlag gegen Oliver Baumann.
Wenn wir jetzt gerade schon bei den kritischen Tönen sind. Was hat Ihnen denn heute nicht gefallen?
Also ich will erstmal sagen, dass es am Ende ein ganz souveräner Sieg war. Aber was der Sieg wert ist, das wissen wir nicht. Das Spiel hatte eher Freundschaftsspielcharakter, war aber natürlich sehr wichtig für den Turnierstart. Nun kurz dazu, was mir nicht gefallen hat: Wir haben von hinten heraus in einigen Momenten zu schlampig gespielt, Jonathan Tah hatte ein paar Fehlpässe in den Fuß des Gegners dabei. Nach dem 1:0 wirkte es für mich so, als wollten zu viele Spieler schnell auf das zweite Tor gehen, da haben wir ein bisschen das Verteidigen vergessen. Da waren wir in der letzten Kette nicht entschlossen genug. So ist auch das Tor entstanden. Wir müssen einfach konsequenter über das ganze Spiel hinweg an den Gegnern sein. Wenn man ihnen Platz gibt, können sie auch kicken. Auch in der zweiten Halbzeit gab's noch mal einzelne Momente. Dass nicht mehr passiert ist, lag am Unvermögen, Pardon, das klingt zu böse, das lag an der Schwäche von Curacao. Da musst du die gegen die anderen Gruppengegner aufmerksamer sein.
Nach dem wackeligen Testspiel gegen die USA haben Sie die Widerstandskraft der Deutschen ein wenig bemängelt. Wie bewerten Sie das heute?
Das hat mir sehr gut gefallen. Sie haben sich nach dem Tor geschüttelt, haben es schnell umgebogen und es dann souverän runtergespielt. Gerade in der zweiten Halbzeit hat es mir sehr gut gefallen, wie viele tiefe Läufe die Deutschen hatten und wie viele Chancen daraus entstanden sind. Und dass man in manchen Momenten etwas nachlässig war, lässt sich hoffentlich auch damit erklären, dass es ihnen zu leicht gemacht wurde. Das kann tatsächlich schon mal passieren.
Blicken wir doch mal etwas genauer auf das deutsche Team. Wer hat ihnen besonders gut gefallen?
Felix Nmecha, das muss ich ehrlich sagen. Zuletzt hatte ich ihn ja ein bisschen kritisiert, weil er mir manchmal zu sehr Bruder Leichtfuß ist. Aber ich will da auch fair bleiben und muss ihn heute wirklich loben. Er hat eine vor allem überragende erste Halbzeit gespielt. Nicht nur wegen seines Treffers. Er hatte richtig viele starke Aktionen, tolle Pässe und vor allem richtig viel Power. Neben ihm hat mir auch Nathaniel Brown sehr gut gefallen. Ein Tor und ein Assist, tolle Standards, viele Freiheiten genutzt, null Fremdkörper, obwohl er noch recht neu im Team ist.
Kritik hatten sie zuletzt auch an Florian Wirtz und dessen Körpersprache geübt. Wie fällt da ihr Fazit aus?
Als Assistgeber fand ich ihn sehr gut. Vier, fünf starke Aktionen habe ich mir notiert. Da ist er einfach eine Augenweide. Aber über 90 Minuten war er nicht sehr auffällig. Es war ein eher durchschnittliches Spiel.
Musiala spitzelt sich aus der Mini-Krise

Für große Diskussionen sorgte dieser Tage die Debatte um Jamal Musiala. Thomas Müller und Jürgen Klopp hatten angeregt, ihn aus der Startelf zu nehmen. Hat er heute Argumente für sich gesammelt?
Für mich gehört Musiala in die Mannschaft. Die Diskussionen um seine Verletzung und die Form sind auch ein wenig nervig. Gegen die USA war er nicht gut. Heute war er ordentlich, wie eigentlich alle im Team. Er nimmt das Tor mit, das wird ihm guttun. Er wird aber sicher auch mal ein Spiel Pause bekommen, aber für mich gehört er ins Team.
Gehört Leroy Sané für Sie auch noch ins Team?
Ach ja, das wird doch immer ein Thema bleiben. Nach hinten hat er heute wieder ein paar Mal richtig stark gearbeitet. Er probiert auch viel. Das kann man ihm nicht vorwerfen. Aber es bleibt dabei: Er sieht manchmal einfach unglücklich aus. Wie er den Ball ins Aus verstolpert. Oder wie er die Riesenchance nach der fantastischen Ballannahme einen schlechten Schuss ansetzt. Er braucht viel Spielzeit.
Was wäre denn die Alternative?
Der Bundescoach könnte es mit Jamie Leweling versuchen, der hat in Stuttgart gezeigt, wie gut er ist. Aber ich hätte da eine ganz andere Idee.
Lassen Sie hören, Herr van Lent!
Ich würde mir ja wünschen, dass Nagelsmann Havertz mal zurückzieht. Auf die Seite oder auf die Zehn, dann könnte Musiala nach Außen rücken. So wäre Platz für Deniz Undav da. Du hast heute wieder gesehen, wie gut er dir gegen so einen Gegner tut. Wenn du quasi ein Handballspiel aufziehst. Er ist ein Schlitzohr, er ist immer irgendwie am Ball und nimmt ein Tor mit. Er hat so eine positive Ausstrahlung, zwinkert, lächelt. Das gefällt mir und ist auch gut für das Team.
So, was machen wir denn jetzt mit dem Sieg? Wo steht die Nationalmannschaft?
Ich als Trainer würde den Jungs erstmal ein Kompliment machen und sie dafür loben, dass sie den Start in das Turnier ernst genommen haben. Aber so ein richtiges Gefühl für die WM habe ich leider nicht. Und damit habe ich ein Problem.
Was meinen Sie?
Klar, das war die deutsche Nationalmannschaft. Aber grundsätzlich verliere ich bei solchen Spielen die Lust am Fußballgucken. Diese Spiele haben gar keinen Wert. Da frage ich mich doch auch als Fan: Wie viele von diesen Spielen muss ich in der Vorrunde noch gucken? Was ist der Sinn von solch einem Turnier! Wir sehen einfach zu viele schwache Mannschaften. Aber zum Glück werden die nächsten deutschen Gegner ja stärker!
Mit Arie van Lent sprach Tobias Nordmann






