"Angepisst", "abgezockt", "Pate"

US-Abgeordnete will Infantino vor Kongress zur Rechenschaft ziehen

David BeduerftigInterview: David Bedürftig, Los Angeles
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Infantino muss sich nach der WM möglicherweise vor dem US-Kongress verantworten. (Foto: picture alliance / empics)
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11.06.2026 | 04:57 Uhr
Die demokratische Kongressabgeordnete Sydney Kamlager-Dove legt sich rund um die Fußball-WM mit FIFA-Chef Gianni Infantino und US-Präsident Donald Trump an. Im Interview erklärt die Politikerin, was sie damit erreichen will.

Sie bietet Gianni Infantino die Stirn: Die demokratische Kongressabgeordnete Sydney Kamlager-Dove will gegen den FIFA-Boss ermitteln und holt im Interview mit ntv.de zum Rundumschlag gegen den Weltverband und Donald Trump aus. Es geht um kriminelle Strukturen, "Herzlosigkeit" - und fuchsteufelswilde Fans.

Congresswoman Sydney Kamlager-Dove, Sie versuchen, den FIFA-Präsidenten Gianni Infantino vor den US-Kongress zu bringen und Ermittlungen gegen ihn zu eröffnen. Was steckt dahinter?

Sydney Kamlager-Dove: Ich habe im März einen offiziellen Brief an Gianni Infantino verfasst, der von 68 weiteren Kongressabgeordneten unterzeichnet wurde. In diesem wird die FIFA scharf kritisiert und mehr Transparenz gefordert. Wir kritisieren die FIFA wegen der dynamischen Preisgestaltung bei WM-Tickets und der mangelnden Unterstützung und Ressourcen für viele der Gastgeberstädte. Das amerikanische Volk verdient einige Antworten von dem Mann an der Spitze, von Gianni Infantino.

Welche Antworten sind das? Die FIFA hob die Preise für Eintrittskarten selbst nach Ihrem Brief noch einmal an.

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Ich stelle mir die Frage, warum diese Preise unerschwinglich hoch sind - insbesondere angesichts der Tatsache, dass ich Wähler habe, die die letzte Weltmeisterschaft besucht haben und zehn Spiele für den Preis einer heutigen Eintrittskarte sehen konnten.

Wir wollen Transparenz, und wir wollen die Machenschaften hinter diesem Unternehmen FIFA verstehen und wissen, warum sie all dieses Geld benötigen, ohne den Städten, die ihnen helfen, diese Spiele auszurichten und den Fußball mit den Fans zu feiern, auch nur im Geringsten entgegenzukommen. Ich hätte erwartet, dass eine Organisation wie die FIFA Praktiken wie Tickets für Fans mit geringem Einkommen berücksichtigt und sich fragt: Wie können wir diese WM für so viele Fans wie möglich zugänglich machen?

Wie läuft so ein Kongress-Ermittlungsverfahren ab?

Im Kongress haben wir einen Sportausschuss und einen Fußballausschuss. Infantino wurde noch nicht vorgeladen und erstmal wollen wir, dass die WM erfolgreich verläuft. Aber wir werden auch in der Nachbetrachtung Druck machen, dann muss sich Infantino im Kongress verantworten und die Weltmeisterschaft und die horrenden Kosten erklären.

Die FIFA sagt, sie passe sich lediglich den in den USA üblichen Preisstrategien an.

Für mich ist klar, dass die FIFA nur daran interessiert ist, sich die Kasse zu sichern. Sie will einfach nur Geld. Das Ganze ist ein Schlag ins Gesicht für Fußballfans auf der gesamten Welt. Ich weiß nicht, warum der niedrigste Ticketpreis für ein Spiel in Los Angeles 1500 Dollar beträgt. Und ich sage das nur ungern, aber wir reden hier nicht einmal von Top-Teams. Ich verstehe nicht, wie es so einen Unterschied geben kann, einen Preisunterschied zwischen einem Spiel in Kansas und einem Spiel in Los Angeles oder Jersey. Es ist für mich einfach unfassbar, dass die FIFA sowas tut und damit durchkommt, und ich bin wirklich sehr dankbar, dass Fußballfans sie dafür kritisieren.

Hat Infantino Ihnen eine Antwort auf den Brief geschrieben?

Nein. Ich habe gehört, dass sie von dem Brief erfahren hat und besorgt darüber war, dass er veröffentlicht oder verschickt wird. Aber was sollen die FIFA und Infantino mir schon sagen? Dass es ihnen leidtut? Ich brauche keine Entschuldigung. Ich brauche niedrigere Preise.

Nun hat die FIFA sogar verboten, dass Fans Wasserflaschen mit ins Stadion nehmen dürfen, um sie dort wieder aufzufüllen.

Ich war überrascht zu erfahren, dass diese Austragungsorte die gesamten Kosten für die Ausrichtung dieser Spiele tragen. Und die FIFA nimmt das gesamte Geld aus den Ticketpreisen, dem Merchandising, aus den Verpflegungsständen. Deshalb will sie nicht, dass man leere Wasserflaschen mitbringt und sie kostenlos auffüllt. Das ist Abzocke.

Wir wollen natürlich nicht, dass einem Fan in der großen Hitze etwas passiert und genau deshalb sollte weiter gegen Infantino ermittelt und er zur Rechenschaft gezogen werden.

Normalerweise werden Kriminelle zur Rechenschaft gezogen.

Infantino ist wie "Der Pate", das ist eine meiner Lieblingsfilmreihen. Infantino hat die FIFA im eisernen Griff und ist unglaublich resistent gegenüber dem, was die globale Gemeinschaft und die Fußballfans über diese WM sagen. Die Fans sind Infantino egal.

"Die FIFA ist auf einer Geisterbahnfahrt ins Nirwana"

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Keine guten Voraussetzungen für die WM.

Ich habe beobachtet, wie die Mannschaften in ihre jeweiligen Camps gereist sind. Sie freuen sich darauf, zu spielen, sie freuen sich darauf, ihr Land zu vertreten. Damit scheinen sie fast die Einzigen zu sein, die sich auf diese WM freuen. Denn die Fans sind stinksauer, regelrecht angepisst. Die Stimmung in Los Angeles ist ziemlich gedrückt, niemand ist von dem Turnier begeistert, weil es einfach unerschwinglich ist. Kosten für Flugtickets und Benzin sind wegen des Iran-Konflikts ja ebenfalls enorm angestiegen.

Viele Leute hier haben außerdem Bedenken, zu den Spielen zu gehen. Sie wissen nicht, ob sie von der ICE-Behörde festgenommen und abgeschoben werden. Doch die FIFA hat sich mit keinem dieser Punkte befasst. Sie zeigt kein Mitgefühl für die Fans, die ihre letzten Cents für eine Eintrittskarte zusammenkratzen. Es ist mir wirklich ein Rätsel, wie herzlos Infantino gegenüber den Anhängern des Fußballs sein kann.

Die Fans sind also bereits die Verlierer dieser Weltmeisterschaft?

Bei dieser WM sind es die Fans, die Mannschaften und der Fußball, die den Kürzeren ziehen. Es dreht sich alles um Infantino, wie er die Energie rund um die Spiele zunichtemacht. Anstatt den Fußball zu feiern, versuchen wir alle, den FIFA-Präsidenten zu bändigen und zu zähmen.

Auch Donald Trump saugt viel Energie auf. Es wäre schön, wenn die Leute einfach den Raum hätten, ihre Mannschaften und die großartigen Athleten zu feiern und ihre Geschichte als Fußballfans zu teilen.

Trump wird diese WM ebenfalls instrumentalisieren.

Absolut und das ist wirklich beschämend. Vor allem von einem Präsidenten, der gerne mit seiner Liebe zum Sport prahlt. Ich wünschte mir, er würde die Teams und den Sport feiern sowie die Bedeutung der Sportdiplomatie. Ich habe gesehen, wie andere Präsidenten und Premierminister sich für Weltmeisterschaften begeistert haben, und ich wünschte, wir könnten diese Art von positivem, selbstlosem Geist von Donald Trump sehen. Ich hoffe aber, er taucht bei keinem der Spiele auf. Denn die Teams, die er unterstützt, verlieren immer. Man munkelt, er sei verflucht.

Es heißt nun, dass Trump das Eröffnungsspiel der USA in Los Angeles schwänzen werde.

In Los Angeles ist er ohnehin nicht willkommen. Wir versuchen immer noch, nach den verheerenden Waldbränden im vergangenen Jahr unser FEMA-Geld von ihm zu bekommen. Wir versuchen, zwei Milliarden Dollar an zusätzlichen Mitteln von ihm zu bekommen, damit wir sicherstellen können, dass die Olympischen Spiele 2028 reibungslos ablaufen. Wenn er also keinen dicken Scheck nach Los Angeles mitbringt, dann soll er nicht erscheinen.

Die FIFA betont, dass wir die inklusivste WM aller Zeiten erleben, aber einige Fans dürfen wegen Trumps Reiseverboten nicht ins Land. Nicht nur die iranische Mannschaft hatte Probleme, sondern auch einem Schiedsrichter aus Somalia und einigen Journalisten wurde die Einreise verweigert.

Ich finde es zutiefst besorgniserregend, dass die iranische Mannschaft, die in den Vereinigten Staaten spielt, nicht in den Vereinigten Staaten bleiben darf, sodass sie nun von Mexiko in die USA hin- und herpendeln muss. Wird das ihre Fähigkeit beeinträchtigen, erfolgreich zu spielen? Ich finde das schrecklich, und ich denke auch, dass wir in Zeiten internationaler Sportveranstaltungen mit Diplomatie vorangehen sollten. Es sollte einen Waffenstillstand geben, damit die Weltmeisterschaft sicher stattfinden kann und alle Gastgeberländer sollten allen Mannschaften entgegenkommen.

Waren Visa-Probleme nicht vorhersehbar?

Es kommt mir sehr komisch vor, wie verschiedene Mannschaften von den Vereinigten Staaten an der Grenze behandelt werden. Vieles hat mit unserer Politik bei Visumanträgen zu tun, wie diese geprüft und abgelehnt werden. Wir als Kongressabgeordnete haben etliche Gespräche mit Außenminister Marco Rubio und dem der WM-Verantwortlichen des Weißen Hauses, Andrew Giuliani, darüber geführt, wie Visumangelegenheiten im Vorfeld geklärt können. Damit wir diese Probleme nicht haben, wenn es losgeht. Und sie sagten uns, dass es keinen Rückstau bei der Bearbeitung von Visa geben würde. Die Erwartung war, dass Personen, die an den Spielen teilnehmen, und diejenigen, die mit der Ausrichtung der Spiele zu tun haben, Einlass gewährt würde. Jetzt sehen wir, dass das leere Versprechungen waren.

Verwendete Quelle: ntv.de