Nach nur zwei Siegen aus sechs Spielen und direkt nach der peinlichen 20:26-Niederlage zuhause gegen die bis dahin sieg- und hoffnungslosen Tennessee Titans haben die Indianapolis Colts erste Konsequenzen gezogen und General Manager Chris Ballard entlassen. Was nun folgt, wird den Anbeginn der neuen Ära in Indiana maßgeblich beeinflussen.
Seit dem Tod von Besitzer Jim Irsay im vergangenen Jahr haben seine drei Töchter, Carlie Irsay-Gordon, Kalen Jackson und Casey Foyt auf Wunsch des Verstorbenen das Ruder bei den Colts übernommen. Besonders im Vordergrund steht Irsay-Gordon, die das Franchise als CEO anführt und Aufsehen erregt, weil sie anders als so ziemlich jeder andere Teambesitzer der NFL während der Spiele nicht etwa in einer Loge auf der Tribüne sitzt, sondern vielmehr am Spielfeld zugegen ist und sogar per Headset die Kommunikation des Coaching Staffs mitverfolgt. Sie tut dies nicht, um auf sich aufmerksam zu machen, sondern, wie sie selbst erklärte, um besser zu verstehen, wie die Abläufe sind, und um besser beurteilen zu können, ob ihre Angestellten auch wirklich ihren Aufgaben gewachsen sind.
Das tut sie bereits seit einigen Jahren, doch erst seit sie die starke Frau der Organisation ist, fällt es der Öffentlichkeit wirklich auf. Und sie weiß durchaus, wovon sie spricht: anders als die üblichen "Nepo Babys" der NFL hat Irsay-Gordon in so ziemlich allen Bereichen der Organisation gearbeitet und sich entsprechend ein Insiderwissen angeeignet, das vielen ihrer Mit-Besitzer der gesamten amerikanischen Sportbranche einfach fehlt.

Titans blocken Punt gegen Colts und finden die Endzone
GM-Suche so gründlich wie möglich
Mit diesem Wissen hatte sie im Frühjahr noch entschieden, dass sowohl GM Ballard als auch Head Coach Shane Steichen 2026 erneut am Ruder sein würden. In Branchenkreisen war allerdings schon damals zu hören, dass Steichens Job seinerzeit sicherer wirkte als der von Ballard. Ballards Vertrag wäre zum Ende der laufenden Spielzeit ausgelaufen und seine Zukunft war damit offen. Nun griff Irsay-Gordon dieser Entscheidung vor mit der Begründung: "Diese Veränderung während der Saison vorzunehmen, war eine bewusste Entscheidung. Abzuwarten würde nur die wichtige Arbeit verzögern, die jetzt beginnen muss. Wir werden bei der Suche nach unserem nächsten General Manager gründlich vorgehen und uns die nötige Zeit nehmen, um die richtige Führungspersönlichkeit für die Zukunft dieser Organisation zu finden."
Gleichzeitig sendete sie aber auch ein klares Signal an das noch vorhandene Personal: "Ich möchte außerdem klarstellen: Diese Entscheidung ändert nichts an unseren Saisonzielen. Es liegt noch viel Football vor uns, und ich erwarte, dass wir uns dem Wettbewerb stellen, uns verbessern und Spiele gewinnen." Das dürfte sowohl für Steichen (Vertrag bis 2028) als auch für die Spieler gelten, von denen mehr als 20 auslaufende Verträge haben. Will Irsay-Gordon also einen grundlegenden Umbruch einleiten, ist jetzt die Zeit dafür.
Ballard war zehn Jahre GM bei den Colts und oberflächlich betrachtet war seine Zeit dort zumindest insofern produktiv, als dass er dort stets einen Kader hinstellte, der in gewisser Weise mithalten konnte. Er trat seinen Dienst 2017 an und hatte dann nach seiner zweiten Saison in Indy das Pech, dass Star-Quarterback Andrew Luck plötzlich kurz vor Saisonstart 2019 seine Karriere beendete. Das trat eine Abwehrspirale los, von der man sich in Indianapolis wohl bis heute nicht so richtig erholt hat. Es folgte eine Notlösung nach der anderen, ehe man im Draft 2023 Anthony Richardson als neuen Quarterback zog - eine Entscheidung, die unterm Strich nicht falscher hätte sein können.
2025 schien sich das Blatt zu wenden, denn mit dem anderswo aussortierten Daniel Jones tat man scheinbar einen Glücksgriff. Die Colts gewannen acht der ersten zehn Spiele und wurden mutig. So mutig, dass sie ihre unmittelbare Zukunft in Cornerback Sauce Gardner steckten. Für seinen Trade von den Jets zahlten sie unter anderem die Erstrundenpicks in den Drafts 2026 und 2027. Jones riss sich kurz darauf die Achillessehne und die Colts gewannen bis Woche 3 in dieser Saison kein Spiel mehr. Und da jegliche Hoffnungen auf Besserung nach der Niederlage gegen ein Team wie die Titans nun wohl auch verflogen sind, war es für die Chefin Zeit für einen Neuanfang. Ballards Bilanz am Ende: 72-82-1. Hinzu kamen ganze zwei Playoff-Teilnahmen (1-2). Ein Division-Titel blieb ebenfalls aus - im Gegensatz zu jedem anderen Team der AFC South.
Steichen auf Bewährung?
Ballard ist Geschichte, Steichen jedoch soll nach derzeitigem Stand weitermachen und auch im Gastspiel bei den Minnesota Vikings am Sonntag (ab 18 Uhr live auf RTL+) die Geschicke leiten. Er wird direkt an die Besitzerinnen berichten, damit also vorbei - oder parallel zu? - Interims-GM Ed Dodds arbeiten, der sich wiederum um den Kader für den Rest der Saison kümmert. Und was dann?
Steichen scheint das Vertrauen von Irsay-Gordon zu genießen, wohl auch, weil sie eben durch ihre besonderen Einsichten in die Arbeit des Trainerstabs genau weiß, wie Steichen und sein Team arbeiten. Sollte es am Ende aber die üblich schwache Saison werden - die Playoffs erreichten die Colts zuletzt 2020 und seit 2017 gab es nur drei Saisons mit positiver Bilanz -, ist auch hier ein Wechsel denkbar.
Spannender ist aber zunächst die Frage, wie sich diese Organisation künftig aufstellt. Kommt einfach ein neuer GM von wo auch immer? Wird es eventuell eine Doppellösung mit Dodds geben, der seit 2017 ein geschätzter Kopf der Colts ist und zuletzt als Assistant GM tätig war? Oder streben sie eine neue Lösung an, in der vielleicht ein großer Name die Führung übernimmt. Der bekannte Radiomoderator Dan Patrick brachte in seiner Show jüngst Teamlegende Peyton Manning ins Spiel, der derzeit als Medienschaffender überall seine Finger im Spiel zu haben scheint.
Manning führte die Colts 2006 noch zu deren zweitem Super-Bowl-Triumph der Teamgeschichte und wäre die ganz große Lösung, zumal er nachweislich über Football-Sachverstand verfügt. Und wenn er sich das tägliche Geschäft nicht zutrauen sollte, wäre auch eine Lösung wie in Atlanta denkbar, wo der frühere MVP Matt Ryan als "President of Football" der starke Mann ist, während Ian Cunningham als GM fungiert, der aber auf dem Papier nur die zweite Kraft ist.

Progressive Lösung für Colts?
Soll es dagegen eine progressive Lösung geben, die gerade Irsay-Gordon mit Überzeugung durchsetzen könnte, wäre etwa auch Catherine Hickman eine Kandidatin. Sie arbeitet zurzeit als Assistant GM und Vice President of Football Operations bei den Cleveland Browns. Sie hat einen Background in Recht und Football und arbeitete zuvor unter einem der besten Funktionäre der NFL, Howie Roseman, bei den Philadelphia Eagles.
Sie ist einem Bericht von "The Athletic" zufolge auch eine der führenden Köpfe bei den erfolgreichen Drafts der Browns in den vergangenen Jahren gewesen, was bei einem Neuaufbau ein schlagkräftiges Argument wäre. Hickman wäre erst die zweite Frau, die in der NFL als General Manager arbeiten würde nach Susan Tose Spencer Mitte der 80er Jahre bei den Eagles.
Wie auch immer sich Irsay-Gordon und ihr Team am Ende entscheiden, es wird die erste große Personalentscheidung ihrer Zeit als Besitzerin der Colts. Schon jetzt ist sie mit ihrem Führungsstil einzigartig, wenn sie nun auch noch sportlich richtige Schlüsse zieht, kann sie ihren Platz in der Männerdomäne Football mit Nachdruck behaupten - und womöglich die Schar an Nörglern, die ihre Sideline-Tätigkeiten kritisch beäugen, in die Schranken weisen.

