Vom Liegestuhl zur WM

DFB-Nachrücker: Nagelsmann "hat mich gefragt, ob ich betrunken bin"

imageVon Lina Wipperfürth, Winston-Salem
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Assan Ouedraogo bringt frischen Wind ins DFB-Team. (Foto: IMAGO/Eibner)
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10.06.2026 | 23:09 Uhr
So viel Gelächter erlebt man bei einer DFB-Pressekonferenz nicht alle Tage. Der nachnomminierte Assan Ouédraogo liefert in Winston-Salem mit seiner lockeren Art gute Stimmung. Besonders eine Geschichte sorgt für Lacher.

Die Frage nach dem wohl wichtigsten Telefonat seines Sommers bringt Assan Ouédraogo sofort zum Schmunzeln. Die Szene, die sich vor wenigen Tagen im Urlaub in Marbella abgespielt hat, wirkt auch im Nachhinein fast absurd. "Ich lag auf der Liege und war unfassbar am Chillen", erzählte Ouédraogo bei der Pressekonferenz in Winston-Salem und musste selbst lachen. Gemeinsam mit Freunden genoss der Mittelfeldspieler von RB Leipzig seinen Urlaub in Marbella, als plötzlich das Telefon klingelte.

Am anderen Ende der Leitung: Bundestrainer Julian Nagelsmann. Der Anruf veränderte alles. "Ich war von null auf 180, eine richtige Emotionsexplosion", berichtete der 20-Jährige. Um ungestört sprechen zu können, sei er sogar schnell um die Ecke gelaufen, damit niemand das Gespräch mithören konnte. Die Nachricht hatte es in sich: Er rückt zur Fußball-Weltmeisterschaft für den verletzten Lennart Karl nach.

Die Aufregung war offenbar so groß, dass sich Nagelsmann scherzhaft nach dem Alkoholpegel erkundigte: "Er hat mich noch gefragt, ob ich betrunken bin." Doch Ouédraogo stellte unmittelbar klar: "Ich trinke aber so oder so nicht."

Familie verpasste ersten Anruf

Natürlich wollte der Leipziger die Nachricht sofort weitergeben. Doch ausgerechnet in diesem Moment war niemand erreichbar. Weder seine Mutter noch sein Vater gingen ans Telefon. Stattdessen erfuhr seine große Schwester als erste von der überraschenden WM-Einladung. Allerdings brauchte auch sie einen Moment, um die Nachricht einzuordnen. "Sie hat mir am Anfang gar nicht geglaubt."

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Dass ausgerechnet Ouédraogo kurzfristig ins Aufgebot rücken würde, hatten schließlich nur die wenigsten erwartet. Nach der Verletzung von Bayern-Talent Karl wurden vielerorts andere Namen gehandelt. Zumal Ouédraogo nicht wie Karl nur auf dem Flügel, sondern auch im Mittelfeldzentrum heimisch ist. Umso größer war die Überraschung für den Leipziger selbst. Viel Zeit zum Nachdenken blieb ohnehin nicht. Urlaub abbrechen, zurück nach Deutschland fliegen, die Fußballschuhe einpacken und weiter in die USA. "Sonst hatte ich eigentlich alles parat", sagte Ouédraogo.

Während seine künftigen Teamkollegen noch einen freien Tag in Chicago verbrachten, machte sich Ouédraogo bereits auf den Weg nach North Carolina. Schon am Sonntag traf er als erster deutscher Nationalspieler im WM-Quartier "The Graylyn Estate" in Winston-Salem ein.

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Dort wurde der Nachrücker mit einem herzlichen "Welcome to Graylyn" begrüßt. Anschließend chauffierte ihn ein Mitarbeiter per Golfcart über das weitläufige Gelände des luxuriösen Anwesens, das während des Turniers als Basislager des DFB-Teams dient. Die besondere Rolle als erster Anreisender hatte allerdings auch ihre Schattenseiten. "Ich war schon froh, als die anderen gekommen sind", sagte Ouédraogo lachend. Auf dem riesigen Gelände sei es zwischenzeitlich ziemlich ruhig gewesen. Kurz gesagt: Es wurde ihm langweilig.

"Ganz anders als ich"

Über die Nachnominierung seines Leipziger Teamkollegen freute sich auch David Raum. Der Nationalspieler kennt Ouédraogo bestens aus dem Kluballtag bei RB Leipzig, wo er als Kapitän zu den Führungsspielern zählt. Von der Berufung Ouédraogos habe er von einem Athletiktrainer erfahren, erzählte Raum. Für ihn steht außer Frage, dass der 20-Jährige dem deutschen Team bei der WM weiterhelfen kann.

Anschließend geriet Raum regelrecht ins Schwärmen. Ouédraogo sei ein "angenehmer, ruhiger Zeitgenosse" - und damit, wie Raum lachend anmerkte, "ganz anders als ich". Der Leipziger sei ein "sehr, sehr gut erzogener Junge" mit hervorragenden Manieren, der genau wisse, wie er sich innerhalb einer Gruppe zu verhalten habe. Wer deshalb aber einen ausschließlich zurückhaltenden Charakter erwartet, unterschätze den Mittelfeldspieler. Denn auf dem Platz bringe Ouédraogo neben seiner technischen Qualität auch die nötige Härte mit. "Er kann auch mal wehtun", sagte Raum anerkennend über seinen Vereinskollegen.

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Bei aller Freude über die eigene WM-Chance dürfte auch Ouédraogo wissen, wie bitter die Situation für Karl sein muss. Der Bayern-Youngster verpasst das Turnier wegen einer Oberschenkelverletzung und musste seinen Platz im deutschen Aufgebot kurzfristig räumen.

Mit der Enttäuschung eines verletzungsbedingten Rückschlags kennt sich auch Ouédraogo aus. In seiner noch jungen Karriere wurde er bereits mehrfach ausgebremst, erst in diesem Jahr warf ihn gleich zwei Knieverletzungen längere Zeit zurück. Rechtzeitig zum Saisonfinale kam er wieder auf den Platz.

Nun übernimmt er nicht nur Karls Platz im Kader, sondern auch dessen Rückennummer 25. Für Ouédraogo ist das nach seinem erfolgreichen Debüt in der Nationalmannschaft im vergangenen November die nächste große Chance. Damals erzielte er bei seinem ersten Länderspiel beim 6:0-Erfolg gegen die Slowakei direkt einen Treffer, schon 102 Sekunden nach seiner Einwechslung.

Jetzt soll auf die Überraschungsnominierung die nächste Erfolgsgeschichte folgen.

Verwendete Quelle: ntv.de