Die Geschichte der USA ist blutig. Vor allem in Bezug auf Immigranten und Menschen, die nicht zur weißen Mehrheitsgesellschaft gehören. Auch Los Angeles im heute weltoffenen Kalifornien ist da keine Ausnahme.
In den 1930er Jahren schoben die USA etwa zwei Millionen Mexikaner ab, obwohl etwa eine Million von ihnen in den Staaten geboren waren und die US-Staatsbürgerschaft besaßen. Es regte sich kein Widerstand, die Latinos wurden zum Sündenbock für die Weltwirtschaftskrise gemacht. Als die US-Regierung im Zweiten Weltkrieg an der Westküste etwa 120.000 Japaner und japanischstämmige Amerikaner in Lager steckte, applaudierten viele, auch in der Hollywood-Metropole. Ähnlich fielen die Reaktionen aus, als eine Dekade später von dort erneut Hunderttausende Mexikaner abgeschoben worden.
Vor genau einem Jahr machte die Nationalregierung wieder Jagd auf Latinos und Einwanderer. US-Präsident Donald Trump schickte die vermummten Agenten seiner Einwanderungs- und Zollbehörde ICE, eine Art paramilitärische Truppe, und Tausende Menschen wurden auf der Arbeit, in Gerichtshäusern und sogar an Schulen verhaftet. Die Bilder der brutalen Razzien gingen um die Welt, Familien wurden zerrissen und Proteste gegen ICE prägten das Straßenbild. Genau diese ICE-Behörde bedroht nun auch die Fußball-Weltmeisterschaft und deren Besucher und Mitarbeiter.
"Entführung von über 14.000 Menschen"
"Unbekannte, maskierte Bewaffnete trieben in unserer Stadt ihr Unwesen und entführen vor allem unschuldige Menschen, die nie ein Verbrechen begangen haben", erinnert sich Ron Gochez im Gespräch mit ntv.de. Er fühlt vor allem "Wut", wenn er an die "die unmoralische Entführung von über 14.000 Menschen" vor einem Jahr zurückdenkt: "Sie haben Mitglieder unserer Gemeinschaft auf offener Straße, aber auch in ICE-Konzentrationslagern geprügelt, abgeknallt und getötet."
Gochez ist Organisator beim Krisenreaktionsnetzwerk "Unión del Barrio" aus Los Angeles, das Tausende von Menschen für die Teilnahme am friedlichen, zivilen Widerstand gegen ICE in der Region ausbildet. Denn Los Angeles zeigte vor einem Jahr, anders als zuvor in der Geschichte, einen massiven Widerstand der Zivilgesellschaft. ICE stieß auf immer besser organisierte Aktivisten, die ihre Straßen auf ICE-Aktivitäten hin überwachten, verhinderten, dass noch mehr Menschen festgenommen wurden, und Familien unterstützten, die von Razzien betroffen waren.
Der Kampf geht weiter in der WM-Stadt Los Angeles, in der am Freitagabend das US-Eröffnungsspiel stattfand, das Trump lieber schwänzte. Ein Zeichen vielleicht. "Wir tragen die historische Verantwortung, unsere Gemeinschaft zur Selbstverteidigung zu organisieren", sagt Gochez. "Während die Trump-Regierung Tausende weitere ICE-Agenten eingestellt hat, haben auch wir mehr Menschen für die Selbstverteidigung der Gemeinschaft gewonnen. Wenn sie unsere Gemeinschaften weiterhin angreifen, werden sie auch weiterhin auf heftigen Widerstand seitens der Bevölkerung stoßen."
Kinder kämpfen allein nach ICE-Razzien
Das US-Ministerium für Heimatschutz (DHS) behauptet zwar, dass ICE zu "fast 70 Prozent" Personen inhaftieren würde, die wegen einer Straftat verurteilt oder angeklagt worden seien. Ein internes Memo des DHS besagt jedoch, dass nur 14 Prozent der fast 400.000 Personen, die zwischen dem 21. Januar 2025 und dem 31. Januar 2026 landesweit von ICE-Agenten festgenommen wurden, wegen Gewaltverbrechen angeklagt oder verurteilt worden waren.
Der Minister für innere Sicherheit, Markwayne Mullin, erklärte jüngst gegenüber dem US-Sender Fox News, dass "jede einzelne" Behörde bei der Weltmeisterschaft vor Ort sein werde. Und am Mittwoch bestätigte die Trump-Regierung laut "New York Times", dass ICE bei WM-Spielen operieren werde, auch wenn Razzien nicht die Aufgabe der Behörde bei diesen Einsätzen wären.
ICE bedroht die WM - und die Furcht und der Schmerz in Los Angeles, wo noch sieben weitere Turnierspiele stattfinden, wirken nach. Sie sind vielleicht niemals mehr komplett ausgemerzt.
"Die Auswirkungen der ICE-Razzien in unseren Gemeinden waren für viele verheerend", berichtet Gochez. "Menschen haben ihre Angehörigen verloren, die oft die einzigen Ernährer ihrer Familien waren. Dies hat zu Familientrennungen, schweren Depressionen, Obdachlosigkeit, Verzweiflung und Selbstausweisung geführt." Gochez arbeitet als Lehrer und hat Schüler, "die nun auf sich allein gestellt sind, weil ihre Eltern abgeschoben wurden. Diese Kinder müssen nach den ICE-Razzien mit Wohnungsproblemen, Ernährungsunsicherheit und gesundheitlichen Problemen kämpfen."
Millionen US-Amerikaner protestieren gegen Trump

Menschen meiden WM aus Angst
Und so werden alte Wunden und realistische Ängste neu aufgerissen, wenn dieser Tage die ICE-Agenten bei den WM-Partien in Los Angeles und im gesamten Land wieder auftauchen. Wenn die für Angst und Schrecken stehenden Beamten bei manch einem Fan für ein mulmiges Gefühl im Magen sorgen werden. Wenn sie manch anderen ganz von der WM fernhalten werden, weil die Sorge vor einer Verhaftung oder Abschiebung zu groß ist.
"Die meisten Menschen in unseren Gemeinden können sich die Eintrittskarten für die WM-Spiele nicht leisten", sagt Gochez. "Wir sorgen uns aber um die Straßenverkäufer und die Anwohner in der Umgebung, die besonders gefährdet sind. Wir glauben, dass viele Menschen einfach zu Hause bei ihren Familien bleiben werden, um die Spiele zu verfolgen. Sie haben zu viel Angst, um hinzugehen und die Weltmeisterschaft zu genießen, selbst wenn sie nur ein paar Blocks von ihrem Zuhause entfernt stattfindet."
Eine Gewerkschaft, die 2000 Arbeiter des SoFi Stadiums in Los Angeles vertritt, viele davon Latinos oder andere Menschen mit Migrationsgeschichte, stimmte daher vor rund einer Woche für einen Streik. Dank Garantien, dass die Agenten der Behörde keine Festnahmen rund um das Stadion vornehmen würden, konnte ein größerer Schock noch gerade abgewendet werden.
Vater bei Klub-WM verhaftet
Aber die Angst bleibt. Menschenrechtsorganisationen warnten schon seit Monaten: "Die Trump-Regierung verfolgt eine Politik, die Migrantinnen, Migranten und Geflüchtete entmenschlicht und kriminalisiert", sagte Julia Duchrow, Generalsekretärin von Amnesty International kurz vor dem WM-Start im Interview mit ntv.de. "Menschen, die von Diskriminierung besonders betroffen sind, erleben, dass sie aufgegriffen werden, egal, ob sie legal in den USA sind, ob sie keinen legalen Aufenthalt haben oder ob sie im Asylverfahren stehen. Im letzten Jahr wurden 500.000 Menschen zum Teil rechtswidrig abgeschoben." Die Diskriminierung und Repression durch die ICE-Behörde sei "so massiv", sagte Duchrow, dass es bei der WM "sehr wohl sein kann, dass Menschen grundlos aufgegriffen werden".
Bei der Klub-WM im vergangenen Jahr passierte genau das bereits. Ein in den USA asylsuchender Vater aus Kolumbien wurde vor dem Finale im Juli 2025 in New Jersey von der Polizei festgenommen und an die Einwanderungsbehörde ICE übergeben. Er wurde drei Monate lang inhaftiert und abgeschoben. Seinen Kindern im Alter von 10 und 14 Jahren wurde befohlen, das Spiel allein im Stadion zu verfolgen. Dennoch traute sich die FIFA vor der jetzigen WM nicht, bei Trump hart mit dem Thema aufzutreten und ein Verbot von ICE-Agenten rund um alle Stadien und Fanfeste zu erwirken.
Auch in diesem Jahr wurden bereits Tausende Menschen in Los Angeles von der ICE-Behörde aufgegriffen. Aber die Botschaft der Stadt ist deutlich: Die Angst hat die Menschen nicht besiegt, die Gewalt hat sie nicht gespalten und der Widerstand und der Kampf für Gerechtigkeit werden auch bei der WM nicht einknicken.
"Dies ist die Ruhe vor dem Sturm"
"Seit jeher sind wir Gewalt und Unterdrückung durch die US-Regierung ausgesetzt", sagt Ron Gochez. "Trump ist die jüngste Manifestation dieses Hasses und dieser Gewalt gegen Mexikaner." Würde er dem US-Präsidenten gegenüberstehen, würde er ihm sagen, "dass er tun kann, was er will, aber am Ende werden wir, die indigenen Völker dieses Kontinents, hier bleiben, lange nachdem die USA nicht mehr existieren. Wir kämpfen seit über 500 Jahren gegen die Kolonialisierung, daher haben wir nicht vor, jemals aufzugeben."
Erst in der vergangenen Woche unterzeichnete Donald Trump ein Gesetz über 70 Milliarden US-Dollar zur Finanzierung von ICE und der Grenzpolizei bis zum Ende seiner zweiten Amtszeit. Gochez' Kollegin Lupe Carrasco Cardona von "Unión del Barrio" ist bereit für den nächsten Selbstverteidigungskampf: "Wir sind uns bewusst, dass dies die Ruhe vor dem Sturm ist."
Carrasco Cardona, ebenfalls Lehrerin, erzählt: "Gestern war Graduation und eine meiner Schülerinnen weinte auf der Abschlussbühne, weil sie nicht geglaubt hatte, dass sie es schaffen würde. Trotz guter Noten und einer starken Arbeitsmoral stand sie kurz vor dem Schulabbruch, da ihre Mutter seit fast einem Jahr in einem ICE-Gefängnis bei Los Angeles festgehalten wird. Nun kümmert sich die Schülerin um ihre Geschwister. Die Ungewissheit, ob ihre Mutter freigelassen oder abgeschoben wird, hat ihr Leben ruiniert. Sie kann nicht mit ihren minderjährigen Geschwistern nach Guatemala reisen, aus Angst, dabei getrennt zu werden. Das sind die Geschichten, die wir immer wieder hören."








