Kniffliges Prozent-Rätsel

Und was macht man mit Jamal Musiala?

us-passbildVon Sebastian Schneider, Winston-Salem
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Er ist noch nicht zufrieden: Jamal Musiala. (Foto: picture alliance/dpa)
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13.06.2026 | 07:59 Uhr
Prägt er die Fußball-Weltmeisterschaft? Oder kommt das Turnier einige Wochen zu früh? Das DFB-Team hofft auf Jamal Musiala, auch wenn er sichtbar noch Zeit braucht. Ein Experten-Duo sieht einen anderen Weg als Bundestrainer Julian Nagelsmann.

Es ist gemeinhin bekannt, dass Julian Nagelsmann ein Fußballtrainer der Daten und Zahlen ist. Vielleicht steigt er bei Jamal Musiala auch deshalb gerne auf die Prozentrechnung um. So rechnete der Bundestrainer bei der Bekanntgabe seines WM-Aufgebots etwa vor: "Selbst bei 95 Prozent ist er einer der außergewöhnlichsten Spieler, die dieser Planet hat." Eine Woche später warf er neue Zahlen in den Raum: Mit 70 oder 80 Prozent "ist er trotzdem besser als viele andere auf der Welt".

Bei der gigantomanischen Fußball-Weltmeisterschaft in den USA, Mexiko und Kanada ist es für das DFB-Team eine der entscheidenden Fragen: Kann Jamal Musiala auch wirklich wieder der Schlüsselspieler für die Nagelsmannschaft sein, der er vor seiner schweren Verletzung gewesen ist? In Zahlen ausgedrückt: Bei wie viel Prozentpunkten steht er denn nun eigentlich? Sind es 95, eher 70 oder doch nur 30 Prozent?

Lauscht man den Aussagen rund um die Nationalelf, dann wird dort mächtig Zuversicht verbreitet. Schon am Anfang der Woche legte Professor Rudi Völler seinen Mantel der Erfahrung über das Thema, sogar ganz ohne Prozentzahlen. "Jamal kommt aus einer sehr schweren Verletzung, er hat einige Zeit gebraucht, um mal wieder 90 Minuten zu spielen", sagte der DFB-Sportdirektor. "Aber das wird schon." Er sei ganz nah dran, "wieder der alte Jamal Musiala zu werden".

Ein Bruchteil in Chicago

Wie nah er nun wirklich dran ist, wieder der Alte zu sein, das ist die Frage. Möglicherweise neigt man auch zum Beschönigen. Der Musiala, der beim 2:1-Erfolg gegen die USA in Chicago auf dem Feld stand, hatte nur zu 61,3 Prozent (eine ntv.de-Schätzung, ohne Gewähr) mit dem alten Musiala zu tun. Nicht alle Aktionen glückten ihm. Besonders in der ersten Hälfte fehlte ihm das Timing, auch im Zusammenspiel mit Leroy Sané.

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Nach der Pause änderte sich das ein wenig. Musiala passte sein Spiel etwas an, dribbelte weniger. Er versuchte, seine Mitspieler mit Pässen ins Schaufenster zu stellen, statt selbst den Ball über den Platz zu tragen. Mit Erfolg: In der 57. Minute bereitet er in einer Kombination mit Florian Wirtz und Kai Havertz das Tor von Sané zum 2:1 vor. Seine Steckpässen wurden deutlich gefährlicher als seine Dribblings.

Doch auch die Vor-Vorlage besserte die Zahlen nicht auf: Am Ende war nur eines seiner vier Dribblings erfolgreich. Nun ist Musiala eigentlich jemand, der sich am wohlsten fühlt, wenn der Platz möglichst klein ist; der eigentlich nur ganz schwer vom Ball zu trennen ist. Für einen Spieler wie ihn ist eine solche Statistik besorgniserregend. Immerhin: Seine Passgenauigkeit lag bei 88 Prozent.

Der kundige Fußballfan wird nun einwenden: "Aber Moment! Auch der Rest seiner DFB-Offensivkollegen verfehlte in Chicago ihre üblichen Prozentzahlen." Tatsache: Sané blieb abgesehen von seinem Tor etwas glücklos (aber immerhin ein Tor). Auch Florian Wirtz, die anderen 50 Prozent des Power-Duos "Wusiala", nahm an dem letzten Test vor der Weltmeisterschaft kaum teil. Der stumpfe, harte Rasen in Chicago kam den Feinmotorikern des DFB-Teams nicht gerade entgegen, hieß es danach.

Das Körpergewicht von Donnarumma

Doch so manch Beobachtender fühlte sich an das Spiel eine Woche zuvor erinnert. Beim 4:0-Erfolg gegen Finnland traf Musiala zwar das Tor, hatte damit seinen Moment der Erleichterung. Doch auch sonst blieb in Mainz das mit der Leichtigkeit ein ganz heikles Thema: Für jemanden, der normalerweise davon lebt, ist es schwierig, damit zu kämpfen. Weil Leichtigkeit lässt sich kaum trainieren.

"Über den mentalen Aspekt könnte ich eine Stunde lang reden", erzählte Musiala der "L'Equipe" zuletzt. Denn, wen das alles am meisten frustriert, ist Musiala selbst. "Ich habe hohe Ansprüche an mich selbst und daran, wo ich stehen möchte. Und dort bin ich im Moment noch nicht. Oft ist es einfach eine Frage der Geduld." Seine Zeit werde noch kommen, sagte er.

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"Das Schwierigste ist der Wunsch, wieder auf das alte Niveau zu kommen, ohne dass das schnell geht", sagte Musiala. Er habe nach seiner Rückkehr Höhen und Tiefen erlebt, mentale Freiheit und die Freude kehrten am langsamsten zurück: "Es gibt Momente, in denen man die Grenzen seines Körpers spürt, und andere, in denen man sich erst wieder an die Mannschaft gewöhnen muss."

Und andersherum muss sich die Mannschaft wieder an ihn gewöhnen. Seit der Heim-Europameisterschaft war es eher so, dass Musiala nicht sonderlich viel Einsatzzeit beim DFB-Team bekommen konnte. Noch seltener an der Seite von Wirtz. Genau genommen geschah das anderthalb Jahre nicht mehr. Beim Nation-League-Gruppenfinale in Budapest verabschiedeten sich beide in den DFB-Winterurlaub und fanden sich zeitgleich erst wieder bei der WM-Vorbereitung bei der Nationalelf ein.

Nagelsmann-Sammer vs. Kahn-Müller-Klopp

Erst fehlte Wirtz verletzt, dann erlebte Musiala den verhängnisvollen 5. Juli 2025. Bei der Klub-Weltmeisterschaft fiel der Fast-Zwei-Meter-Torwartkoloss Gianluigi Donnarumma auf Musialas linkes Bein - und das Wadenbein brach, das Sprunggelenk wurde ausgekugelt. Die Bayern verloren das Viertelfinale mit 0:2 gegen PSG und einen ihrer Starspieler. Seither kämpft sich Musiala zurück: an Spielpraxis und Leichtigkeit. Mal besser, mal schlechter.

Und nun ist Musiala wieder da. Noch nicht so, wie man ihn vor der Verletzung kannte. Dafür deutlich physisch stärker, bemerkte auch die Bundestrainer. Die Frage ist, wie man mit dieser Gemengelage umgeht: Die verschiedenen Denkschulen streiten an diesem Punkt: Sollte Musiala mehr (Team Nagelsmann-Sammer) oder weniger (Team Müller-Klopp) Spielzeit bekommen? Beim FC Bayern spielte er zuletzt am besten, wenn die Gegner nicht auf Augenhöhe waren.

Da könnte es (bei allem Respekt) schlechtere WM-Auftaktgeber als Curacao am Sonntag (19 Uhr/ARD, Magenta und im ntv.de-Liveticker) geben. Auf der anderen Seite fehlt der Startelfplatz dann für einen formstarken Spieler wie etwa Deniz Undav. In der Müller-Klopp-Logik sollte Musiala eher ein Einwechselspieler sein. Am Ende entscheidet der Bundestrainer. Und der wird dabei vermutlich auch auf die Daten schauen.

Verwendete Quelle: ntv.de