Ach, Fußball. Immer, wenn er verloren erscheint, kehrt er mit der Wucht der Menschen zurück. Wochenlang ging es im Vorfeld um alles außer Fußball. Doch das Spiel ist widerstandsfähig, wehrt sich gegen all die Vereinnahmungsversuche. Besonders an einem der Heiligtümer des Weltfußballs - dem Aztekenstadion in Mexiko-Stadt.
Dort feierte das mexikanische Nationalteam zum Auftakt der 23. Fußball-Weltmeisterschaft ein hochverdientes 2:0 (1:0) gegen ein überfordertes Südafrika. Die Tore erzielten Julián Quiñones (9. Minute) und Raúl Jiménez (67. Minute). Aber das war nicht die Geschichte des Spiels. Die ergab sich einzig und allein aus dem Umstand, dass ein entfesseltes Stadion den Fußball von seinem Weltschmerz befreite.
Um 13.06 Uhr war alles vergessen
Denn als der Ball um 13.06 Uhr Ortszeit endlich rollte, war alles vergessen, was noch am Vorabend der WM rauf- und runterdiskutiert worden war. Da ging es nicht mehr um "Iran, Visa, Tickets", wie FIFA-Präsident Gianni Infantino die Probleme des Weltverbands vor dem gigantischen Turnier heruntergebrochen hatte.
Ab 13.06 Uhr ging es um Energie, Emotionen, Erinnerungen. Es begann alles schon weit vorher: mit langen Schlangen vor dem Stadion fünf Stunden vor Anpfiff, einem grünen Menschenmeer rund um das Stadion und einer Eröffnungsshow, die zu einer ausgelassenen Party eskalierte. So hatte es sich Infantino in der Tat ebenfalls am Vorabend gewünscht. Der Herrscher über den Fußball weiß um dessen Macht.
Ist das eine Notbremse?

Als der Ball rollte, tosten die Rufe der 80.000 Zuschauer durch die wohl imposanteste Schüssel in der Welt des Fußballs. Kurz zuvor waren Tausende Papier-Sombreros durch das Stadion geschwebt, und die Stimmung hatte Höhen erreicht, dass sogar die mexikanische Welle durch das Stadion Sinn ergab.
Jeder Ballkontakt wurde mit einem "Olé" oder einem "México, México" begleitet, jeder Ballgewinn von einem lauten Roar untermauert, und die wenigen Ballpassagen der Gäste aus Südafrika wurden von Pfiffen erschwert. Die waren zutiefst beeindruckt von der Kulisse, die sie in die eigene Hälfte presste.
Mexiko - Südafrika 2:0 (1:0)
Tore: 1:0 Quiñones (9.), 2:0 Jimenez (67.)
Rote Karten: Sithole (Notbremse/50.), Zwane (Tätlichkeit/84.), Montes (Notbremse/90.+2)
Gelbe Karten: Gutiérrez - Mokoena, Sibisi
Mexiko: Rangel - Montes, Vázquez, Reyes, Gallardo - Lira (76. Alvarez), Fidalgo (66. Mora), Gutiérrez (66. Chávez) - Alvarado, Jimenez (76. González Alba), Quiñones (79. Vega). - Trainer: Aguirre
Südafrika: Williams - Mudau, Okon, Sibisi, Mbokazi, Modiba (77. Makgopa) - Mokoena, Sithole, Adams (61. Zwane) - Foster (56. Mbatha), Rayners (77. Appollis). - Trainer: Broos
Schiedsrichter: Wilton Sampaio (Brasilien)
Zuschauer: 80.824
Gerade noch jugendfrei
Es war brutal mitanzusehen, was das Stadion und auch die mexikanische Mannschaft in den ersten zehn, fünfzehn Minuten mit Bafana Bafana, so der Spitzname der Gäste, veranstalteten. Es war gerade noch jugendfrei.
Der erste Abschluss des 35-jährigen Raúl Jiménez, gerade so von Bafana-Bafana-Kapitän Ronwen Williams von der Linie gekratzt, war ein Versprechen auf das, was bald kommen würde. Julián Quiñones versetzte die riesige Schüssel in einen unglaublichen Rausch.
Yaya Sithole hatte den Ball am Strafraum verloren, und Quiñones nicht lange überlegt. Aus fast 16 Metern verpasste er den Zuschauern mit einem Ball durch die Beine von Williams die erste Dosis Ekstase - und der WM nach bereits neun Minuten ihren ersten Treffer. Es war keiner von ausgeprägter Schönheit.
Das 1:0 war ein Treffer, den sich das Stadion gemeinsam mit El Tri erarbeitet hatte. Die Südafrikaner waren vor Ehrfurcht erstarrt und nicht annähernd in der Lage, gegen diesen Willen der 80.000 anzuspielen. Sie wollten den Ball nur noch loswerden und rannten so früh in ihr Verderben.
Wüste Zweikämpfe
Mit roher Aggressivität wollte Bafana Bafana dann gegen die Angst anspielen. In der 17. Minute räumte Teboho Mokoena im Mittelfeld Álvaro Fidalgo ab und sah die erste Gelbe Karte des Turniers. Ständig lagen Mexikaner auf der Erde, ständig mahnte der brasilianische Schiedsrichter Wilton Pereira Sampaio zu mehr Gelassenheit.
El Tri reagierte und grätschte zurück. Auch Bryan Gutiérrez vom CD Guadalajara sah Gelb. Im späteren Verlauf des Spiels stellte Südafrika bei den Karten jedoch routiniert wieder ein Ungleichgewicht her. Da konnte Mexiko sich noch so sehr bemühen - hier konnten sie nicht gewinnen.
Zweites Rot! Südafrika völlig fassungslos

Neue Zeit in alten Häusern
Mit gleich zwei Roten Karten in der zweiten Halbzeit für Yaya Sithole (50./Tölpelhaftigkeit) und für Themba Zwane (84./Tätlichkeit) wussten sie zumindest in einer Statistik zu beeindrucken. Auch wenn sich Mexikos Innenverteidiger César Montes spät mit einer vollkommen überflüssigen Notbremse um die Dummheit des Tages bewarb.
Über dem Dach des Stadions verdunkelte sich in dieser Trinkpause nun aber erst einmal nur der Himmel. Nach der schweren Mittagshitze zogen die Wolken des nahenden Nachmittagsregens auf. Der Temperaturrückgang war signifikant, die Trinkpause real. Sie war vor dem Turnier von der FIFA eingeführt worden, um den Spielern Erholung zu bieten - und den TV-Stationen Erlöse.
Auf den großen Bildschirmen sah man Mexikaner im WM-Rausch zu den hektischen Beats der Hechizeros Band tanzen. Die "Dance Cam" war im Haus. Niemand hatte sie bis dahin vermisst. Die neue Zeit macht auch vor alten Kathedralen nicht halt.
Die Spieler verschnauften nach diesem historischen WM-Moment erst einmal. Mexiko zog sich zurück, Bafana Bafana, das Team des 74-jährigen Belgiers Hugo Broos, fiel wenig ein. Ein Kopfball hier, ein Distanzschuss da.
Spaß auf den Rängen
Ganz anders El Tri, die kurz vor der Halbzeit durch Jiménez und Quiñones das 2:0 nur knapp verpassten. Es wäre ein Statement gegen die raschelnde Ernsthaftigkeit gewesen. Diese hatte auf den Tribünen eingesetzt, die Mammut-Show vor dem eigentlichen Beginn hatte ihnen jetzt doch ordentlich zugesetzt.
Es blieb auch nach der Pause dabei: Südafrika fiel nichts ein, Mexiko hatte es einfach. Sehr einfach sogar. Kurz nach der Pause ergab sich Bafana Bafana. Erneut war Yaya Sithole der Pechvogel. Unbeholfen räumte er den nach einem herrlichen Pass von Rechtsverteidiger Israel Reyes enteilten Gutiérrez kurz vor dem Strafraum ab. Die Südafrikaner hatten nicht einmal mehr Kraft für ausgiebige Proteste. Das Spiel war ihnen entglitten und sie wussten es.
Spätestens mit der Einwechslung des 17-jährigen mexikanischen Wunderkinds Gilberto Mora und Jiménez' 2:0, als er der Abwehr nach einer Flanke entwischt war, verlagerte sich das Geschehen wieder auf die Ränge, die amüsiert Zwanes Schlag gegen Roberto Alvarado zur Kenntnis nahmen und sich sonst auf den Abpfiff vorbereiteten.
Befreiungsschlag für den Fußball
Dieser 11. Juni 2026 fügt der großen Geschichte des vom Fußballphilosophen Jorge Valdano zum "Tempel des ewigen Lichts" in die Reihe der Götter erhobenen Stadions ein neues lesenswertes Kapitel hinzu.
Es war nicht das Jahrhundertspiel zwischen Deutschland und Italien aus dem Jahr 1970. Es war nicht Diego Maradonas Lauf des Wahnsinns und seine "Hand of God" aus dem Jahr 1986. Es war lange wohl auch für Südafrika nicht so schmerzhaft wie das 2:3 der deutschen Nationalmannschaft im Finale gegen Maradonas Team ebenfalls 1986.
Das 2:0 mit seinen drei Roten Karten und seiner außerordentlichen Atmosphäre aber war ein Befreiungsschlag für den so unter Druck stehenden Fußball. Die WM hätte nicht besser und unterhaltsamer starten können.





