Panorama

Ein besonderes Privileg nutzenWie aus Männern bessere Männer werden können

04.04.2026, 10:11 Uhr IMG_9087Von Max Patzig
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Frauen fühlen sich nicht nur in der Dunkelheit unsicher. Das Gefühl kommt oft auf, wenn Männer in der Nähe sind. (Foto: dpa/Michael Kappeler)

Viele Männer fühlen sich vom Feminismus bedroht. Doch dazu gibt es keinen Grund. Wer sich dafür einsetzt, lebt gesünder, auch Firmen geht es damit besser. Soziologe Herr erklärt, wie leicht der erste Schritt ist.

Männer glänzen nicht gerade als Feminismus-Verfechter. Der Fall von Collien Fernandes zeigt sogar ganz deutlich in die komplett entgegengesetzte Richtung. Sie wurde im Internet mit falschen Pornovideos verächtlich gemacht, auch physische Gewalt soll es gegeben haben. Der Aufschrei im Nachgang ist groß. Eine Feminismus-Debatte bleibt aber weitgehend aus, sie wird im besten Fall leise geführt. Der Grund für die Zurückhaltung scheint zu sein, dass viele Männer noch immer nicht wissen, wie sie Frauen in der Sache richtig unterstützen können. Viele fürchten, dadurch die eigene gesellschaftliche Stellung zu verlieren und Privilegien abgeben zu müssen. Doch es kann ganz einfach sein, den ersten Schritt zu machen.

Experten sind sich einig: Frauen zuzuhören und zu glauben, was sie berichten, ist das Wichtigste, sagt der Soziologe und Bestsellerautor Vincent-Immanuel Herr im Gespräch mit ntv.de. Gemeinsam mit seinem Kollegen Martin Speer hält er Vorträge zum Thema Geschlechtergleichberechtigung, etwa auf Tagungen und in großen Unternehmen. Beide haben auch ein Buch geschrieben, das sich voll und ganz um dieses Thema dreht: "Wenn die letzte Frau den Raum verlässt" erschien im Februar vergangenen Jahres im Ullstein-Verlag. Ende Oktober erscheint die Fortsetzung "Doch, alle Männer!".

"Was uns Frauen regelmäßig sagen, ist, dass sie sich in fast allen Fällen wünschen, dass Männer auf andere Männer einwirken", sagt Herr. Wenn also etwa ein Mann eine Frau unterbricht, sollte er selbst auch unterbrochen werden. Anschließend wird das Wort wieder der Frau übergeben. Zudem sollten sich Männer untereinander auf ihre Fehler hinweisen. Wichtig dabei: "Nicht nur, wenn Frauen dabei sind, sondern auch unter Männern", macht Herr klar. "Frauen sagen uns: 'Hey, Ihr müsst unter Männern klarmachen, dass es nicht lustig ist, sexistische Witze zu bringen'."

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Vincent-Immanuel Herr hält Keynotes und berät Firmenchefs. (Foto: Jan Van de Vel/Picture Alliance for DLD)

Das Paradoxe: "Männer hören anderen Männern bei dem Thema leider besser zu als sie Frauen zuhören. Sie glauben Männern eher", macht der Soziologe deutlich. "Wenn der Mann sagt: 'Das ist ein Problem, wir müssen darüber reden', dann ist der durchschnittliche Mann mehr geneigt, diesem Mann zu glauben als einer Frau." In diesem Zusammenhang spricht Herr von einem "männlichen Privileg", das Männer nutzen sollen, wenn sie wirklich einen Beitrag leisten wollen.

Auch etwa, wenn ein Mann Vater wird, könnte ein Freund ihn ermutigen, eine längere Elternzeit zu nehmen, erklärt Herr, der selbst drei Kinder hat. "Es ist einfach ein mathematisches Problem: Solange Frauen deutlich mehr Stunden in unbezahlte Sorgearbeit investieren, fehlen die Stunden woanders. Und das ist einer der Bereiche, der am schwerwiegendsten ist und den wir Männer häufig massiv unterschätzen."

Männer und Unternehmen profitieren von Feminismus

Es gehe darum, "einfach ein positives, lockeres Männlichkeitsbild zu prägen, indem wir als Männer normalisieren, dass wir Männer sein können, ohne Frauen zu erniedrigen". Dies lasse sich auch in den Arbeitskontext übertragen. Herr regt zu hinterfragen an: "Wer räumt den Geschirrspüler ein? Wer kocht in der Regel Kaffee? Wer führt Protokoll in einem Meeting? Wer bekommt Redezeit und wer bekommt Aufmerksamkeit? Wer plant die Weihnachtsfeier? Wenn wir uns da mehr einbringen, hat das die größten positiven Effekte auf Frauen, weil sie dann mehr Zeit für andere Sachen haben."

Frauen falle auf, wie wenig sich Männer zu diesen Themen positionieren. "Und das ist der Punkt: Das Privileg nutzen, wirklich die eigene männliche Stimme sichtbar machen und darauf achten, dass andere Männer sehen, dass man das Thema setzt." Vincent-Immanuel Herr betont, dass Feminismus keine Einbahnstraße sei. Daten belegen, dass auch Männer Vorteile haben. "Sie leben gesünder, ernähren sich besser, schlafen besser, haben weniger Stress und teilweise auch eine längere Lebenserwartung", zählt der Soziologe auf. Wer zu Hause Sorgearbeit leistet und die Beziehung pflegt, genieße zudem ein geringeres Scheidungsrisiko.

Firmen, die Frauen in Führungspositionen beschäftigen und in denen Männer an Geschlechtergerechtigkeitsprozessen beteiligt sind, falle es leichter, geeignete Fachkräfte zu finden. "Und diese Unternehmen sind häufig krisenresilienter und haben höhere Umsätze", berichtet Herr aus seiner Erfahrung.

Was Männer noch tun können

Frauen wünschen sich häufig mehr Raum, schildert Herr. "Wie merkwürdig ist das, wenn die U-Bahn halb leer ist und man setzt sich direkt neben sie. Das ist eine Sache, die man relativ leicht als Mann lassen kann." Der Autor berichtet auch von Männern, die deutlich mehr Platz einnehmen, beispielsweise auf zwei Sitzen, und "in der Regel die Beine sehr breit machen: Das nehmen Frauen als sehr unangenehm wahr". Mit Manspreading hat diese spezielle Form zu sitzen sogar einen eigenen Namen bekommen.

Überrascht habe Herr, wie häufig Frauen von oft unbewusst, aber teils auch bewusst erzwungenen Berührungen berichten würden. "Das ist leider ein echt großes Problem." Ebenso erzählt der Soziologe, dass viele Männer "implizit davon ausgehen", dass ihnen Frauen auf Gehwegen aus dem Weg gehen müssen. "Frauen machen in der Regel unterbewusst Platz. Männer nicht." Beide Umstände lassen sich quasi ohne Aufwand beheben, wenn man(n) nur will.

Weitere einfache Schritte, die Frauen ein Gefühl von Sicherheit und Respekt vermitteln:

  • Den Körper oder die Kleidung einer Frau nicht kommentieren

  • Vor allem in der Dunkelheit: Frauen nicht dicht hinterherlaufen, im besten Fall die Gehwegseite wechseln

  • Keine ungebetenen Ratschläge geben

  • Fälle sexueller Belästigung am Arbeitsplatz melden - und selbst unterlassen

  • Fremde Frauen in Ruhe lassen, wenn sie nicht mit einem reden wollen

  • Im Haushalt nicht nur "helfen", sondern die Arbeiten fair - also 50:50 - aufteilen

  • Übergriffiges Verhalten im digitalen Raum unterlassen, beispielsweise Flirten bei Kleinanzeigen

  • Nicht vor dem Pilates-Studio stehen bleiben und gaffen

  • Mansplainen vermeiden, also Frauen ungefragt, herablassend oder belehrend Dinge zu erklären

  • Frauen in der Öffentlichkeit nicht anstarren, schon gar nicht fotografieren

  • Im Fitnessstudio Frauen in Ruhe ihr Programm absolvieren lassen

Wer etwas bewirken will, sollte sich weiter über das Thema und die verschiedenen Möglichkeiten informieren, etwa mit Herrs Buch. Sprechen Sie auch mit Frauen in Ihrem Umfeld über sexistische Erlebnisse und Probleme.

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"Das Buch ist eine Einladung an Männer. Es soll nicht nur vor den Kopf stoßen", beschreibt Herr. "Wir haben viele dieser Vorurteile als Männer gegenüber Frauen, aber wir können da eben auch raus. Wir müssen da nicht drin stecken bleiben, sondern wir können das anerkennen und uns dann auf den Weg machen, die Beziehung zu Frauen wirklich zu verbessern und unseren Beitrag für eine Lösung zu leisten."

Quelle: ntv.de

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