Politik

Wer erobert das Rote Rathaus?In Berlin setzt die SPD auf ganz viel Krach

23.08.2026, 08:16 Uhr a6d1097d-155c-4edc-b000-7806375dfbdb~1Von Sebastian Huld, Berlin
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Steffen Krach, SPD-Spitzenkandidat für die Abgeordnetenhauswahl in Berlin. (Foto: picture alliance / photothek.de)

Er kam als Unbekannter und Hoffnungsträger zurück in die Wahlheimat: Spitzenkandidat Steffen Krach trägt den Wahlkampf der SPD fast allein auf seinen Schultern. Der Erfolg ist bisher durchwachsen, für Krach aber kein Grund zum Aufstecken.

Genau einen Monat vor der Abgeordnetenhauswahl steht Steffen Krach in den Umfragen auf Platz vier und im Wahlkampf wieder genau dort, wo diese ganze Berlin-Sache einmal ihren Anfang genommen hatte. "Da oben habe ich gewohnt", erinnert sich Krach und zeigt auf einen Altbau im an diesem Sommertag malerisch anmutenden Akazienkiez. 2002 war der gebürtige Niedersachse zum Studium in die damals so viel günstigere, wildere Hauptstadt gezogen. Nun will der 47-Jährige hier Regierender Bürgermeister werden - und für die SPD das Rote Rathaus von der CDU zurückerobern. "Natürlich könnte es besser laufen", beschreibt Krach die eigene Lage. "Aber wir kämpfen weiter, nur wenige Prozentpunkte reichen und schon kann es wieder ganz anders aussehen." Liefe der Hobbyläufer Krach gerade ein Wettrennen, wäre das die Phase, in der es vor allem Tapferkeit braucht.

Genau genommen liegt die SPD in den Umfragen zur Berlin-Wahl sogar nur auf Platz fünf, nur wird die AfD bei der Regierungsbildung keine Rolle spielen und schon gar nicht den nächsten Bürgermeister stellen. Die Linke mit Spitzenkandidatin Elif Eralp und die CDU mit ihrem für Amtsinhaber Kai Wegner eingesprungenen Frontmann Stefan Evers liefern sich derzeit mit Werten um die 20 Prozent ein Kopf-an-Kopf-Rennen, dahinter folgen AfD und Grüne. Die SPD hatte das Meinungsforschungsinstitut infratest dimap Mitte Juli gar mal bei 12 Prozent verortet, zuletzt waren es bei Insa wieder 15 Prozent. Aus Sicht von SPD und Grünen darf sich der Wahlkampf jetzt keinesfalls auf die Frage Eralp und Evers verengen, muss der Kampf um die Spitzenposition bis zum Wahltag am 20. September möglichst offen scheinen. Bis dahin muss Krach tapfer bleiben und weiter durchziehen.

"Ich wusste ja, worauf ich mich einlasse und dass das hart wird", sagt Krach. "Dass allerdings die Koalition im Bund derart schlecht dasteht und uns in Berlin das Leben schwermacht, das habe ich nicht erwartet." Im Frühjahr 2025 hatte ihn der Ruf der Berliner Genossen ereilt - zumindest der Ruf einiger maßgeblicher Genossen. Das Kalkül muss ungefähr gelautet haben: Die Berliner SPD braucht einen personellen Neustart und der freundliche, unverbrauchte und im Berliner Politikbetrieb dennoch sehr erfahrene Krach könnte deshalb der Richtige sein - trotz seiner Unbekanntheit.

Krach, der für das Amt des Hannoveraner Regionspräsidenten 2021 von Berlin zurück nach Niedersachsen gegangen war, zog also ein zweites Mal nach Berlin, wieder in den Bezirk Tempelhof-Schöneberg. Er fand nach rund vier Jahren Abwesenheit denselben chronisch chaotischen Landesverband vor. Jene Landesvorsitzenden, auf deren Initiative Krachs Spitzenkandidatur zurückging, schmissen über den x-ten innerparteilichen Richtungsstreit hin. Der Landesparteivorsitz musste zum dritten Mal binnen zwei Jahren durchgetauscht werden. Krach wurde zusätzlich zur Spitzenkandidatur auch Landesparteichef und übt beide Rollen nun schon eine ganze Weile unentgeltlich aus. Das Beamtengehalt fließt nicht mehr, seit Krach sich im März als Regionspräsident beurlauben ließ.

"Sie sind zu elegant hannoveranisch"

Monatelang tingelte Krach durch die Hauptstadt, um sich bekannt zu machen. Sieben Jahre als Staatssekretär im Berliner Senat hatten dafür nicht gereicht. Die anschließenden vier Jahre Abwesenheit reichten aber aus, um Krach wieder zu einem Nicht-Berliner zu machen - zumindest seinen Widersachern. Krach hängt das Etikett eines Auswärtigen an. Das wirkt absurd in einer Metropole, wo fast jeder irgendwann mal von woanders zugezogen ist. Die Münchnerin Eralp kam 2010 nach Berlin, Grünen-Spitzenkandidat Werner Graf rollt noch immer das R pfälzisch, der an der Ruhr geborene Evers fand um die Jahrtausendwende nach Berlin. Und doch trifft die Ablehnung nur Krach. "Der hat diese Stadt überhaupt nicht verstanden", ätzte etwa der Neuköllner Comedian Felix Lobrecht in seinem Podcast, nachdem er den SPD-Kandidaten im Youtube-Format "Jung&Naiv" erlebt hatte.

Während des Wahlkampftags im hippen, aber nicht schicken Schöneberg trägt Krach ein Strickjacken-ähnliches Sakko und braune Lederschuhe. Der schlanke Mittvierziger mit dem akkuraten Haarschnitt biedert sich nicht als Sneaker-und-Hoodie-Typ an. Er zeigt sich dafür beim Laufen, auch auf den ganz großen Wahlplakaten joggt Krach. Der verheiratete Vater dreier Kinder präsentiert sich zupackend und motiviert, wirkt aber eben auch ein bisschen brav.

Berlin ist aber eben auch mehr als seine coolen und alternativen Kieze, in denen ohnehin wahlweise SPD und Grüne Lufthoheit genießen. Die Lücke zwischen diesen in Berlin besonders links auftretenden Parteien und der in der Hauptstadt recht liberal tickenden CDU ist für den einstigen Platzhirsch SPD seit den Wowereit-Jahren immer weiter geschrumpft. Bei der letzten Abgeordnetenhauswahl kamen die Sozialdemokraten auf nur noch knapp mehr als 18 Prozent.

Den Karrierepolitiker in seiner Biografie kann er nicht leugnen. Krach hält entgegen, dass er die meiste Regierungserfahrung unter den Spitzenkandidaten habe. "Man sieht ja an der miserablen Performance von Friedrich Merz, wie wichtig Regierungserfahrung ist."

Am U-Bahnhof Nollendorfplatz, einem Ausgeh- und Szeneviertel im Schöneberger Schwulenkiez, stampft ein Sympathisant auf den Flyer verteilenden Krach zu. "Sie sind zu elegant hannoveranisch", ruft der Mann und fordert, dass Krach es mehr "krachen" lasse. "Wir sind prolo!", sagt er über das Lebensgefühl vieler Hauptstädter. Krach reagiert freundlich und weiß sofort, dass der beistehende Reporter die Szene verwenden wird.

Er empfinde sich überhaupt nicht als zurückhaltend, erklärt Krach und ist sofort bei seinem Wahlprogramm: Handyverbot an Grundschulen, Einrichtung einer Mieten-Polizei, mehr Polizisten für Berlin. Alles nicht unumstritten, Krach will auch Kante zeigen. Zuletzt brachte er aber Vorschläge in die Debatte ein, die ihm erkennbar Aufmerksamkeit verschaffen sollten. Auf dem Tempelhofer Feld könne er sich eine Surfwelle nach Vorbild der Eisbachwelle in München vorstellen, im alten Flughafengebäude eine eigene Universität zur Lehrerausbildung. Letzteres sorgte auch bei den eigenen Bildungspolitikern für Kopfschütteln.

"Wir haben auch Fehler gemacht"

Die eigene Partei ist so eine Sache für Krach. Seit der Wiedervereinigung haben die Sozialdemokraten immer mitregiert im einst geteilten Berlin, stellten die meiste Zeit den Regierenden. Die Ausgangslage vor dieser Wahl ist für die SPD ähnlich wie im Bund. Wann immer sie einen Aufbruch oder Veränderung zum Besseren verspricht, steht sofort dieselbe Frage im Raum: Wer denn den Laden bisher geschmissen hat? "Ich kann die Vergangenheit nicht verändern, ich kann nur nach vorn schauen", sagt Krach und zählt genuine SPD-Erfolge wie die in Berlin kostenlose Kita auf.

"Natürlich haben wir in den vergangenen Jahren auch Fehler gemacht. Wir haben uns manchmal zu viel mit Themen beschäftigt, die die Menschen nicht interessieren, und darüber wichtige Themen des Alltags zu wenig angesprochen." Krachs Vorgänger als SPD-Landeschef, dem Neuköllner Bezirksbürgermeister Martin Hikel, hatten die jungen SPD-Linken vorgeworfen, er bediene mit dem Begriff "Clankriminalität" Muslimfeindlichkeit. Derweil tobt in Berlin ein Machtkampf zwischen rivalisierenden Gangs, die stark migrantisch geprägt sind. Mitte August wird in diesem Zusammenhang ein 30-jähriger Mann vor dem Bahnhof Zoo erschossen. Meldungen über Schusswechsel auf offener Straße sind in Berlin fast alltäglich geworden, schaffen es kaum noch über die Lokalspalten hinaus.

Am U-Bahnhof Nollendorfplatz klagt ein Fahrscheinkontrolleur, der selbst vor Jahrzehnten nach Deutschland eingewandert ist, dem SPD-Spitzenkandidaten sein Leid: Die Menschen reagierten auf die Kontrollen immer aggressiver, viele der in den vergangenen Jahren gekommenen Migranten nutzten Deutschland nur aus. Krach nickt etwas ratlos, neu sind ihm solche Klagen der sogenannten kleinen Leute nicht. Auch für die Forderung des Mannes, den früheren Renteneintritt nach 45 Arbeitsjahren beizubehalten, hat Krach Verständnis. "Ich werde 62 Jahre alt, alles ist kaputt, alles tut weh", sagt der Mann.

Krach zählt zu jenen SPD-Politikern, die das Aus für die sogenannte Rente mit 63 ablehnen. Die Performance seiner Partei im Bund empfindet er als schwerwiegenden Ballast im Wahlkampf: "Wenn 80 Prozent der Bürger die Reformpläne für ungerecht halten, dann ist das ein Alarmsignal." Und: "Ich verstehe nicht, warum diese Bundesregierung immer wieder so ein unglückliches Bild abgibt." Dazu gehört, dass in der SPD immer lauter über die Zukunft von Lars Klingbeil als Bundesvorsitzenden geredet wird. "Wenn wir uns wieder mit uns selbst beschäftigen, hilft das niemandem", sagt Krach dazu knapp. Die Schuldigen allein im Bund zu suchen, versucht er gar nicht erst. "Der aktuelle Berliner Senat hat vor allem Dank Kai Wegner die schlechtesten Zustimmungswerte aller 16 Landesregierungen", weiß Krach.

Dauerthema Enteignungen

Mit Blick auf die SPD-Senatoren finde er die öffentliche Bewertung aber schon "etwas unfair", so Krach. "Beim Wohnungsbau und Mietrecht waren die letzten dreieinhalb Jahre wirklich die besten für Berlin seit Langem." Er verweist auf die Einführung der Mietprüfstelle, auf das als Gesetz aufgegleiste Mietenkataster und Zehntausende neu gebaute Wohnungen. Mit seiner Mieten-Polizei will Krach die Daumenschrauben noch weiter anziehen für Vermieter, die sich am überlaufenen Wohnungsmarkt bereichern und sich bei der Instandhaltung wegducken.

Doch reden muss Krach im Wahlkampf vor allem darüber, warum er keine Wohnungskonzerne und Großvermieter enteignen will. Genau das fordert ein mit breiter Mehrheit verabschiedeter Volksentscheid aus dem Jahr 2021. Dessen Umsetzung hat die Berliner SPD seither auf zwei Landesparteitagen beschlossen. In Krachs Wahlprogramm tauchen Vergesellschaftungen dagegen nicht auf.

"Mich überzeugt es nicht, in einen viele Jahre währenden juristischen Krieg zu ziehen", so Krach. "Die Linken-Spitzenkandidatin gibt selbst zu, dass sie keine seriöse Zeitplanung hat. Und wir müssten den Konzernen Milliarden Euro rüberschieben, ich will das Geld lieber in den Bau neuer Wohnungen investieren." Die Linke hat die Enteignungen ganz oben auf die Agenda ihres Wahlprogramms gehoben. Die Linken-Bundesspitze erklärte die Umsetzung von Wohnungsvergesellschaftungen gar zur Vorbedingung jedweder Koalitionsbildung in Berlin.

Egal, welche Partei stärkste Kraft wird im Abgeordnetenhaus, für ein Bündnis aus SPD, Linken und Grünen wird es in jedem Fall reichen. Krach will aber nicht den Weg der Vergesellschaftungen mitgehen und wirft der Berliner Linken zudem vor, Antisemiten in den eigenen Reihen zu dulden. "Ich habe den Eindruck, dass Ines Schwerdtner, Luigi Pantisano und Heidi Reichinnek gar nicht wollen, dass die Linke mit regiert", sagt Krach. Die Linkenspitze fürchte wohl die schnelle Entzauberung, weil ihre Partei ihre ganzen Versprechen in Berlin nicht halten könne und angesichts der angespannten Haushaltslage erst mal kürzen müsse.

Erneut mit der CDU zu regieren und deshalb zentrale Wahlversprechen wieder nicht umsetzen zu können, wäre weiten Teilen der SPD-Basis aber ebenfalls schwer vermittelbar. Leichter wird es für Krach also auch nach dem 20. September nicht, egal auf welchem Platz er ins Ziel läuft. Sicher ist für Krach momentan eigentlich nur eines: Er wird in Berlin bleiben.

Quelle: ntv.de

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