Kiew soll unbewohnbar werdenRussland greift auch Wasserversorgung der ukrainischen Hauptstadt an
Von Denis Trubetskoy, Kiew
Die russische Armee nimmt nicht nur die Energie- und Lebensmittelversorgung der ukrainischen Hauptstadt unter Beschuss. Gezielte Angriffe gibt es verstärkt auch auf die Wasserversorgung - und auf das Abwassersystem. Das Problem: Kiew ist von einer einzigen Kläranlage abhängig.
Beim Versuch, die ukrainische Hauptstadt im kommenden Winter unbewohnbar zu machen, setzt Russland auf unterschiedliche Methoden. Die Energieinfrastruktur der Stadt und der Region um Kiew wird bereits seit dem Herbst 2022 systematisch attackiert. Aufgrund der großen Zerstörungen, die dem Energiesystem in fast vier Jahren zugefügt wurden, sind große Strom- und Heizungsausfälle unvermeidlich. In Vorbereitung auf den nächsten Winter hat die russische Armee Ende letzter Woche erstmals seit Monaten wieder Energieobjekte in und um Kiew angegriffen.
Zudem hat Russland die am 5. August begonnene Kampagne gegen Lebensmittellager noch einmal verstärkt. Neben Verteilzentren der wichtigsten Supermarktketten in der Hauptstadtregion werden auffallend häufig Verteilzentren von Eiscremefabriken unter Beschuss genommen.
Offenbar will Russland den Handelsketten schon vorab eine Ausweichmöglichkeit nehmen. Die Unternehmen kämpfen jetzt schon mit einem Mangel an Kühlräumen, deren Errichtung technisch aufwendig ist und nicht von heute auf morgen erfolgen kann. Bereits jetzt ist teilweise ein Mangel an Milch und Fleisch erkennbar. Das dürfte im Winter noch gravierender werden.
Anfällig sind vor allem die Stadtteile östlich des Dnipro
All das wird die Kiewer, ähnlich wie im letzten, überdurchschnittlich kalten Winter, massiv unter Druck setzen. Überraschen wird es niemanden. Trotzdem ist denkbar, dass dieses Mal mehr Menschen als im vergangenen Jahr die Hauptstadt für ein paar Monate verlassen. Der letzte Winter hatte für keine bedeutende Ausreisewelle gesorgt. Die große Hoffnung in Kiew ist, dass der kommende Winter nicht so kalt ausfallen wird.
Der Kreml findet allerdings immer neue Wege, um Kiew zu terrorisieren. Die bisherigen Schläge gegen Energieobjekte hatten zwar bereits weitreichende Folgen für das Wasser- und Abwassersystem. Diese waren jedoch zeitlich begrenzt. Denn Stromausfälle führten naturgemäß auch zum Ausfall von Pumpen, was niedrigeren Wasserdruck und Versorgungsengpässe verursachte. Besonders das östliche Ufer des Flusses Dnipro ist aufgrund der veralteten Infrastruktur für solche Ausfälle anfällig.
Selenskyj warnte bereits im Frühjahr vor Angriffen auf die Wasserversorgung
Zu Engpässen bei der Warmwasserversorgung kam es in manchen Stadtteilen Kiews auch nach einem der Angriffe in der letzten Woche. Zuletzt verdeutlichten die Flugrouten der russischen Spionagedrohnen, welche Objekte Russland demnächst ins Visier nehmen könnte.
Auch die Routen der Angriffe sind zunehmend auffällig. Schon Anfang des Jahres gab es erste konkrete Hinweise auf systematische Attacken gegen die Wasserversorgung. Im Frühjahr warnte Präsident Wolodymyr Selenskyj mit Verweis auf die ukrainische Aufklärung ausdrücklich, Russland plane einen systematischen Beschuss von Trinkwasserversorgung, Pumpstationen, Staudämmen, Wasserkraftwerken und Brücken, um die Versorgungssysteme nachhaltig zu beschädigen.
Das veraltete Kanalisationssystem von Kiew gilt ohnehin als einer der wunden Punkte der Hauptstadt. Im Sommer stand vor allem die Kläranlage Bortnyzja in der Diskussion. Es handelt sich dabei um die größte Kläranlage für die Stadt und für Teile der Region um Kiew, von der zusammengerechnet rund fünf Millionen Menschen abhängen. Ab Ende Mai 2026 gab es mehrere Meldungen zum Beschuss von Bortnyzja, vor allem mit ballistischen Raketen, die von der ukrainischen Flugabwehr wegen des Munitionsmangels kaum mehr zu stoppen sind.
Das Ausmaß der Angriffe ist unklar. In einigen Fällen wurde von offizieller Stelle später dementiert, dass es den Beschuss überhaupt gab. Dass die Kläranlage Bortnyzja für Russland von großem Interesse ist, ist aber auf Basis der Besuche von Spionagedrohnen offensichtlich.
Kiew hängt von einer Kläranlage ab
Das Abwassersystem von Kiew ist stark zentralisiert und von Bortnyzja abhängig. Die Wasserversorgung hängt zwar nicht direkt von der Anlage ab. Ohne ein funktionierendes Abwassersystem ist ein halbwegs normales Leben in einer Großstadt wie Kiew jedoch kaum vorstellbar. Eine wirkliche Alternative für Bortnyzja gibt es nicht. Denn die Kläranlage nimmt mehr oder weniger das gesamte industrielle und häusliche Abwasser der Hauptstadt auf und ist die Endstation des gesamten Abwassersystems der Stadt. Es wird über Sammelleitungen und von Pumpstationen nach Bortnyzja geleitet.
Trotz des Mangels an Patriot-Raketen gibt es hier eine gute Nachricht: Die Zerstörung der Kläranlage ist eine viel schwierigere Aufgabe als etwa die Vernichtung eines Kraftwerks, was sich über die Jahre ebenfalls als äußerst kompliziert erwiesen hat. Bei der Kläranlage handelt es sich um einen riesigen Komplex von etwa 300 Hektar, der unter anderem mit massiven Stahlbetonkonstruktionen aufgebaut wurde. Russland bräuchte Unmengen an ballistischen Raketen, um Bortnyzja komplett zu zerstören. Dass dies gelingt, ist wenig wahrscheinlich.
Russland wäre aber sehr wohl in der Lage, neben der Stromversorgung von Bortnyzja gezielt Kompressoren, Pumpen oder Steuerungssysteme anzugreifen. Schon ein mehrtägiger Stromausfall könnte dafür sorgen, dass Bakterien, die das Abwasser reinigen, ohne Sauerstoff absterben. Deren Wiederherstellung könnte Wochen dauern. Zwar sind die Stromreserven von Bortnyzja genau deswegen entsprechend groß. Auch der physische Schutz der relevanten Objekte wurde ausgebaut. Vollständigen Schutz gibt es jedoch nicht.
Antwortet die Ukraine mit Angriffen auf russische Kläranlagen?
Die praktischen Folgen eines bedeutenden Ausfalls könnten gravierend sein. Abwässer könnten am Ende in Keller und in die unteren Stockwerke von Gebäuden zurückfließen, was das Leben in einer Hochhausstadt wie Kiew schnell erschweren würde. Die Folgen einer gezielten Unterbrechung von Strom- und Pumpanlagen könnten die Reinigung wochenlang lahmlegen. Unhygienische Bedingungen wiederum könnten eine Zunahme von Darminfektionen oder von Krankheiten wie Hepatitis A auslösen und die Krankenhäuser überlasten.
Auch mittelgroße Städte in der Ukraine könnten im Winter vor größeren Herausforderungen stehen. Deren Wasserversorgung hängt oft nur von ein oder zwei größeren Pumpstationen ab, deren Zerstörung das ganze System zusammenbrechen lassen könnte.
Ob Russland darauf abzielt, ist nicht klar: In Russland ist diese Ausgangslage sowie das Schutzniveau der entsprechenden Anlagen ähnlich - und natürlich besteht aus russischer Sicht das Risiko, dass die Ukraine auf eine ähnliche Art und Weise antworten könnte. Mit Blick auf Kiew hält sich der Optimismus allerdings stark in Grenzen. Zumal Russland mit der aktuellen Kampagne gegen die Lebensmittellager keinen Hehl daraus macht, dass es dem Kreml sehr recht wäre, wenn die drei Millionen Menschen in der ukrainischen Hauptstadt im Winter weniger und am liebsten gar kein Essen zur Verfügung hätten.